Liebenswertes Kuckucks Ei – der Volvo der 300er Serie

GastPost von Jörn Nielssen

Wie so viele, die in einem speziellen Wagen groß geworden sind, bin ich bei diesem meinem speziellen Fahrzeug nicht objektiv. In meinem Falle ist das der Volvo 360.

Ich lebte in einer modernen Familie in den 80ern: Mein Dad fuhr den kleinen Wagen, den Volvo 360, während meine Mutter einen 245er fuhr – auch in Schweden war das zumindest leicht exotisch. Ähnlich exotisch wie die Tatsache, dass meine Mutter Deutsche war.

Klar: Dekorativ geht anders. Aber die gigantische C-Säule verleiht dem Wagen eine schier ungekannte Quer-Stabilität

Mein Vater war in seiner Jugend bei diversen skandinavischen Geschicklichkeitsfahrten und Rallyes angetreten und war ein Teufel hinter dem Lenkrad. So lernte ich die wichtigste Eigenschaft der 360er Volvos direkt aus erster Hand kennen: Die unfassbar satte Straßenlage, die es mit allem aufnehmen konnte, was es in dieser Klasse gab und auch mit einigen aus höher angesiedelten Klassen. Der eigentliche Gegner des 3er Volvos war der 3er BMW – vielleicht hatten die Schweden ihm deshalb den lustigen Namen gegeben, der so gar nicht mit dem größeren Bruder, dem 2er Volvo, harmonieren wollte.

Aber langsam.

Sah in seiner Entstehungs-Phase noch deutlich langweiliger aus als später in Serie. Seine Wurzeln sollten Volvo zunächst einen schlechten Ruf einbringen – die Verarbeitung der ersten beiden Modelljahre ist nicht toll, es gibt neuralgische Roststellen

Die Schweden waren an der Geburt des Volvo 300 nur so halb beteiligt, weshalb er in den ersten Jahren in Schweden auch nicht wirklich gern gesehen war. Entwickelt hatte ihn der niederländische Autobauer DAF, der bis dahin den eher zwergigen DAF 66 baute. Im Laufe der Entwicklung stellten sich finanzielle Probleme auf mehreren Ebenen ein, weshalb Renault in die Produktion einstieg.

Und Volvo.

Während nämlich DAF größere Autos bauen wollte, suchte Volvo nach etwas kleinerem unterhalb des 200er Volvos. Zunächst stellte Volvo Entwicklungskapazitäten und Know-How für eine Art Joint Venture bereit, dann übernahmen sie zunächst 33% der Anteile an DAF und schließlich die gesamte Firma – all das, bevor der Volvo 300 überhaupt auf den Markt kam.

Als der 1975 erschien, hätte man im Grunde nicht viel mehr auf einen Schlag falsch machen können: Die Golf Klasse etablierte sich gerade als Standard – und das bedeutete: Schrägheck, Frontantrieb, quer eingebauter Motor und Automatik mal eher als Ausnahmeerscheinung einer ganz klar handgeschalteten Klasse. Der Volvo erschien mit Längsmotor, Heckantrieb und Variomatic – eine Art von Kraftübertragung, die schon hochspeziell ist und nur selten mit dem Attribut „Spaß“ in einem Satz genannt wird. Eine Handschaltung konnte man zu dem von Renault beigesteuerten 1,4 Liter Motor auch gegen Geld in den ersten zwei Modelljahren nicht bekommen – mehr als zwei Türen auch nicht.

In meiner Region eher normal: der 300er Volvo an allen möglichen Ecken. Immerhin: Volvo verkaufte weit über 1.100.000 Fahrzeuge dieses Typs – sooo übel kann der nicht gewesen sein, oder? Auch wenn Volkswagen fast die zehnfache Menge Golf unters Volk brachte…

Der Erfolg des kleinen Volvo war zunächst also erwartungsgemäß leicht eingeschränkt… auch von seiner tollen Straßenlage bekam man nicht so viel mit – der Wagen war in seiner Konfiguration mit Variomatic, 70PS und über einer Tonne Einstandsgewicht schlicht und ergreifend zu schwerfällig, zu träge, um wirklich sportlich bewegt werden zu können. Somit nahm man die Straßenlage also in den ersten Jahren eher als Sicherheitsfeature wahr, was ja immerhin zum Markenkern von Volvo passte.

Über diverse kleinere und mittlere Facelifts wurde der Wagen zunehmend zum Volvo nachgebessert: Sitze aus dem Volvo 240, Instrumente, die nicht mehr wie die des DAF 66 aussahen, dickere Motoren, mehr Türen, schließlich gar ein Stufenheckmodell, das nicht den typischen Bürzel des 340 trug, der sehr wenig nach Volvo aussah. Einen Kombi gab es leider nie, obwohl einzelne Umbauten auf Basis des Stufenheckmodells existieren, die vor allem in den Benelux-Ländern zu finden sind und lustig aussehen.

Das Stufenheckmodell wirkte seriöser – ein richtiger Hingucker war es auch nicht. Mein Vater wurde mit dem Wagen nur halb warm: Der 360GLE in dieser Konfiguration hatte ein viel zu weiches Fahrwerk. Die Schrägheckversion 360 GLT ist härter und knackiger

Unsere Familie hatte den 360GLT – sozusagen der GTI der Serie. Und unser spezielles Modell war der Traum meines Vaters, nämlich samt kleinerer Umbauten auf 140PS aufgemöbelt. Da bewegten wir uns also im Bereich des BMW 323i – Fahrwerksseitig taten wir das ja ohnehin, wie gesagt.

Die Straßenlage des 3er Volvos ist wirklich eine ganz besondere. Wenn es einen perfekten Wagen gibt, um das Driften zu lernen – hier steht er. Mein Vater hatte mir das bereits demonstriert, als ich sicherlich noch zu klein dazu war – aber es ist so: Du kannst den 340er Volvo anstellen wie kaum ein anderes Auto, kannst das Lenkrad praktisch nutzen, um den gewünschten Winkel des Drifts stufenlos präzise einzustellen – und: Mit dem Wagen kann das wirklich jeder. Der hat noch eines dieser Fahrwerke, die sich selbst einfangen ohne neumodische Helferchen.



Und da ich meinen Führerschein noch in Schweden erwarb, wo du echten Schnee hattest und Strassen, auf denen neben Dir nur noch ein paar gelangweilte Elche herumstreunen, hatte ich alle Gelegenheit, das auszuprobieren, denn mein erster Wagen war ein 345er Volvo mit einem Motor von ungefähr 100PS, den es so nicht in Serie gegeben hatte. Zu diesem Zeitpunkt fuhr mein Vater bereits seinen zweiten 3er Volvo, jetzt einen 360GLE, also ein Stufenheck-Modell, das mir nie so recht ans Herz wachsen wollte. Auch der Wagen war wieder mit einer gewissen Leistungssteigerung an den Start gegangen. Auf manche Dinge war Verlass 😉

Ähnlich verhielt es sich mit meinem. Wir Jungs änderten den Sturz noch ein wenig nach und machten mit den 3er Volvos die unglaublichsten Dinge. Weil der Wagen in den ersten Jahren qualitativ nicht unbedingt der Star gewesen war und die Schweden das „holländische“ Auto zunächst nicht recht mögen wollten, war der Wagen billig für uns jugendliche zu haben. Rost – ja, stimmt, aber eigentlich auch nicht mehr als andere Autos dieser Größe. Mehr Rost als ein 240er Volvo eben – und deshalb fanden ihn alle schlecht… Die Sitzschienen sind der letzte Mist und auch ein paar andere Teile sollte man verstärken, was aber jeder Stümper mit ein wenig Liebe und einem Samstag Nachmittag Zeit hinbekommt.

Nur mit Variomatic wollte ihn auch von uns keiner haben, das galt auch bei schwedischen Jugendlichen als Mormorbi – einfach mal raten, was das heißt 😉 Am besten ist das Viergang-Gebtriebe – aber in Kombination mit der kurzen Achsübersetzung. Das kostet Höchstgeschwindigkeit, aber nochmals: Die Straßenlage des Wagens…. Ach, was red ich – probiert es einfach mal selbst.

Volvo Youngtimer 440

Mit dem 440er Volvo knüpfte Volvo visuell an den GT an. Objektiv sah der 440 sicherlich besser aus, aber er fuhr sich einfach nicht so geil

Wenn ihr heute einen kaufen wollt, dann muss man sagen: Leider sind die erwerbbaren oft ausgerechnet die Wagen mit der Variomatic, oft dann auch aus erster Rentnerhand – von den 30 Lebensjahren 29 gestanden… Ich will die gar nicht schlecht reden – viele sind praktisch in einer Art schlafendem Neuzustand, das hat was. Außerdem sind die natürlich von einer ganz eigenen Schrulligkeit umgeben und die Originalität dieser Fahrzeuge ist Legende. Ich würde manche Exemplare blind am Telefon kaufen – alles, was da schief gehen kann, bekommst Du an einem Wochenende wieder gerade gebogen 😉

Wir haben aus dem Wagen alles aus- und wieder eingebaut, es gibt nicht viele so handwerkerfreundliche Fahrzeuge. In meiner Region fuhren wir auch manchmal mit halben 300ern rum. Irgendwer hatte immer einen im Schuppen, aus dem schon ein oder zwei Brüder wichtige Teile ausgebaut hatten – dann fuhren wir mit 16 oder 17 einfach mit dem Rest durch die Gegend – ohne Scheiben, ohne Kotflügel, ohne Motorhauben… Und ja, natürich: Wir fuhren auch Rückwärtsrennen mit den Variomatics….

Die Form des Wagens war irgendwie nie recht sportlich – da half auch der lächerliche Heckspoiler nichts, auch wenn der zur zeitgenössischen Folklore gehörte. Aber sportlich fahren,. puuhhh… das konnte er, der 360 GLT. Das Fahrwerk verkraftete 50PS mehr sehr gut (habe ich gehört… ;-> )

Als ich 1994 nach Deutschland zum Studieren kam und meinen 360 GLT der letzten Serie mitbrachte, war ich völlig erstaunt, dass der Wagen hier so selten war und die Studenten eher den Golf I, den Fiesta und andere Klapperkisten fuhren, die es hier an jeder Strassenecke gab. Die waren teilweise 150 Kilo leichter als mein Wagen, was mich wirklich nervös machte. Der fehlende Katalysator machte dem Volvo 340 und 360 in Deutschland viel zu schnell den Garaus. Vernünftige Nachrüstsätze gab es nicht, der olle U-Kat aus der Mitte der 80er Jahre machte nur einen halben Job bei der Steuer – die hohen Kosten wollte hier keiner zahlen, weil es einfach zu wenig Menschen gab, die in diesem Wagen auf der Rückbank mit einem driftenden Vater groß geworden sind.

Nachdem der Volvo 360GLT/GLE eingestellt wurde, hatte mein Vater eine echte Krise. Er kaufte noch einen der letzten und behielt ihn trotz seiner gigantischen Fahrleistungen fast 8 Jahre. Seiner Ansicht nach gab es nichts vergleichbares mehr. Schließlich erwarb er einen E46 als 320d Kombi, mit dem er nie recht glücklich wurde.

Ich weiß warum.