Der Mercedes W123 – wirklich ein Traumwagen?

Das Wort Traumwagen ist so ein großes Wort, das hat so viel Erbe in sich, soviel Ballast. Da wollen die Leute immer gleich was von Ferrari, Porsche oder Rolls Royce hören. Manchmal sind es ja auch Brot- und Butter-Autos, die einen in den Schlaf verfolgen und dort ihre Stärken vor deinem aufnahmebereiten Hirn ausbreiten und dich wahnsinnig machen und schlecht schlafen lassen.

Bei mir war das in Teenager-Tagen lange Zeit der Mercedes 250 vom Typ W123. Einer meiner besten Freunde hatte so einen – genau genommen seine Eltern, aber wenn Du 19 bist, ist das ja irgendwie das gleiche. Mit dem Wagen waren wir stets viel unterwegs und der Wagen überzeugte einfach durch seine präzise Unauffälligkeit.

Zuvor war der gar nicht so sehr mein Ding. Ich mochte Volvos viel lieber, gerne auch mal einen schrulligen Saab – oder wenn Mercedes, dann den Strichachter oder die S-Klasse vom Typ W116, wie ihn die „Zigeuner“ fuhren (damals zumindest nannte man Sinti und Roma so und das war in meinem Falle nie despektierlich gemeint). Das waren Autos nach meinem Geschmack. Der W123 eroberte sich mein Herz eher über die Dauer. Der hatte dieses angenehm schwere, satte. Der wirkte zunächst beinahe behäbig mit seinen 129PS bei guten anderthalb Tonnen, die so ein Wagen auf die Waage brachte.

Aber, wenn man ihn forderte, dann war er plötzlich da – bäumte sich auf, gurgelte herum und drehte die Kurbelwelle samt der 6 Kolben gierig auf hohe Drehzahlen, als hätte er nur drauf gewartet. Der 250er wurde immer unterschätzt – vor allem, seit es den 230E gab, der in etwa die gleiche Leistung hatte, aber signifikant weniger verbrauchte. Der 230E hatte – und das bedeutet mir normalerweise etwas – sogar einen Hauch mehr Drehmoment als der angestaubte zwofuffzich. Aber er lieferte mit seiner Einspritzanlage und den vier Zylindern eben einfach nicht die gleiche Show…

Ich mochte den unauffälligen W123. Weiß, blaue Sitze, ein Schiebedach, Automatik natürlich und eine elektrische Antenne, die so ein angenehm oberklassiges Geräusch machte, wenn sie kurz nach dem Anlassen nach oben fuhr. Sonst hatte der Wagen nix – aber das reichte auch vollkommen.

Irgendwann spät abends fuhren wir mal wieder die übliche Strecke. Den Berg hoch, der diese unendlichen viele unberechenbaren Serpentinen hatte, auf denen Du bei Nässe gar nicht so recht fahren mochtest, zumal hier bei Regen immer noch vom Berg das Wasser über die Straße floss. Heute ist dort längst eine Drainage, die das Wasser abfließen lässt – nicht so in den 80er Jahren, da fuhr man einfach mit angemessener Geschwindigkeit.

Gar keine so dumme Idee im Rückblick.

W123

Praktisch so eine Art Dienstwagen – und einfach immer noch ein unglaublich gutes Auto

Hinten im Wagen saßen zwei Mädels, eigenartig gesichtslos, aber intensiv in ein Gespräch verstrickt, das in einer fremden Sprache stattzufinden schien. Vorne liefen die Pogues und wir unterhielten uns blendend – im Gegensatz zu den beiden Mädels auf Deutsch, während die Band Waltzing Matilda spielte und keiner der Soldaten so recht nach Gallipoli zu wollen schien. Es regnete, aber das tat es eigentlich immer. Und vermutlich hörten wir in dieser Zeit auch immer die Pogues. Eigenartig war eigentlich nur, dass es nur auf der Bergseite der Straße zu regnen schien, während man auf meiner Seite einen ausgezeichneten Blick ins Tal genoss. Eigenartig – bis zu dieser Fahrt war mir nie aufgefallen, dass man hier so weit ins Tal schauen konnte. Ich konnte Gebäude erkennen, die meiner Ansicht nach ganz entschieden zu weit weg waren.

Aber so richtig stutzig machte mich das nicht. Mein Kumpel öffnete das Schiebedach ein Stück und es zog warme Abendluft hinein. Die beiden Kerle auf dem Rücksitz sangen leise den Text mit, wenn auch in Teilen falsch. Alles schien wie immer.

Wir näherten uns einer langen Links-Kurve, die sich tückisch zuzieht. Mein Kumpel weiß das, ist dennoch ein wenig zu schnell für die Wetterverhältnisse, bremst aber sauber ab, kuppelt und schaltet runter in den Zweiten, von wo aus er…. Moment mal – in den zweiten Gang? In der Kurve? Und viel wichtiger: Seit wann hat denn der Wagen Schaltung??

Ich fahre hoch, schweißgebadet – ich habe schlecht geschlafen, es ist 03:42 morgens. Ich konzentriere mich und erinnere mich schemenhaft, bis es mir wieder einfällt. Die Frauen auf der Rückbank, die kein Deutsch sprachen. Waren das nachher zwei Männer gewesen? Hä? Ein Traum, ganz offensichtlich. Es ist zu diesem Zeitpunkt neun Jahre her, dass wir zum letzten Mal in diesem Wagen diese Straße mit den unregelmäßigen Serpentinen hinauf gefahren sind – aber offensichtlich verfügt mein Hirn immer noch über genügend Alarm-Mechanismen, um mich darauf hinzuweisen, dass mein Traum mich übers Ohr hauen will. Der 250er Benz hatte Automatik! Da lasse ich mich doch von einem hergelaufenen Traum nicht übers Ohr hauen, in dem manuell in den Zweiten geschaltet wird – so weit kommt das noch!

Ich beruhige mich und mein Puls lässt nach. Bizarr, welche Details das Hirn manchmal als wichtig einstuft. Aber es ist schon was dran: Kein Mensch würde den Wagen als Schalter fahren wollen, völlig unpassend. In meiner Garage steht der W123 mittlerweile als 280TE in Milanbraun.

Träume verwirklichen.

Natürlich hat auch der Automatik.

Meine Frau dreht sich um und fragt „Was ist – kannst Du nicht schlafen?“

„Nein – alles gut. Kein Grund zur Sorge. Alles gut…“

 

Diese und mehr: Die Youngtimer-Tagebücher