Der Diesel hatte es nie leicht – aber hat er das verdient?

Die Volks-Vergesslichkeit ist ja manchmal ein wenig erschreckend. Wenn jetzt Leute rumheulen, dass es unsicher sei, sich einen Diesel zu kaufen, weil man nicht recht weiss, wie es mit dem Diesel weitergeht, dann muss man leider sagen: Das ist ja nun wirklich mal nichts Neues…

Rudolf Diesel

Komplexer Charakter und praktisch in allen Belangen der Gegenentwurf zu Otto

In einer sehr vergangenen Vergangenheit, die nur noch Archäologen und versierten Historikern zugänglich ist, so etwa in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, kosteten 100 Kubik Hubraum 14 Mark 40 KFZ-Steuer – vollkommen gleichgültig, welches Konzept da innerhalb des dreidimensionalen Raumes werkelte – Selbstzünder oder Benziner. Für einen 450SEL 6.9 kamen so knapp 1.000 Mark Steuern zusammen – und das galt damals als obszön, bevor Fahrzeuge dann nach dem Grad ihrer potentiellen Umweltbelastung in Klassen eingeteilt wurden.

Während die günstigsten Ottomotoren zu Euro-Zeiten dann mit 5,12€ taxiert wurden, gab es nun Diesel, die auf satte 37,58€ (!) kamen !Für den seltenen 5.7er GM Diesel kam man nun also beispielsweise auf 2.179,64 Euro – rund 4 mal soviel wie vorher für den 6.9er Benz.

Brachte Diesel und Turbo zusammen und meinte das sicherlich gut

Wichtig dabei: Das passierte im laufenden Betrieb, das war ein böses Erwachen… Da gab es nix dran zu rütteln. Am 1.1. kam ein neuer Bescheid und hattest du vorher noch 300€ bezahlt, zahltest du nun von jetzt auf gleich über 2.000 Euro… Eine substanzielle Unberechenbarkeit ist da also nix Neues.

Und das gilt ebenso für Dinge wie die Versicherung: Wer für seine 2.5er A6 TDI am 31.12.2001 noch 900Mark zahlte, der zahlte am 1.1. rund 1400 Mark. Zum Glück wurde an dem Tag die DMark abgeschafft und die 700€ fühlten sich irgendwie komfortabler an…

Dass jetzt überall für das Prozessieren gegen den Volkswagen-Konzern geworben wird, kann man gut und richtig finden – denn hier hat die Unberechenbarkeit vielleicht eine neue Qualität bekommen. Aber mit dem Diesel belügen sich gerade in Deutschland schon seit Jahren so viele Menschen selbst.

Die Hülle des ersten großen TDI

Dass der Diesel im Unterhalt billiger ist, ist für unglaublich viele Fahrzeuge gar nicht wahr: Steuerlast, Versicherung, Inspektionskosten, höhere Anschaffungspreise und viele andere Komponenten sind schon seit Jahren so teuer, dass man in manchen Konstellationen jährlich 35.000 und mehr Kilometer fahren muss, um mit dem Diesel überhaupt noch billiger zu fahren. Bei unserem nächstgelegenen Opel-Händler stehen auf dem Hof zurzeit 3 Astra Diesel im Alter von 3 Jahren – allesamt unter 40.000 auf der Uhr…

Ewig galt „Der Diesel rechnet sich beim Verkauf immer“ am Stammtisch – gerade aufgrund der Unberechenbarkeit der Politik gilt auch das schon seit Jahren nicht mehr. Wer etwa Anfang 2002 seinen Audi A6 TDI loswerden wollte, kann da ein Lied von singen. Konnte der jemanden verklagen…?

Ebenso galt am Stammtisch „Der Diesel hält länger.“ Au weia… wie die meisten Pauschalierungen ist auch das quatsch – und zwar schon seit Jahren. Diesel hielten früher einmal länger, weil sie einerseits an vielen Stellen mit geringeren Fertigungstoleranzen gebaut wurden, weil sie geringe Drehzahlen aufwiesen und weil sich oft unter Optimalbedingungen, etwa auf Langstrecke, im Einsatz waren. Die Diesel der 70er Jahre verrichteten ihren Dienst in Strichachter Mercedessen, die artig gewartet wurden und regelmäßig frisches Öl bekamen – natürlch hielten die länger als der 70PS Benziner im Autobianchi A112 Abarth, der seine Höchstleistung bei 6.600 Umdrehungen abgab…

Wenn Zweitklässler heute von ihren Müttern mit Dieseln, deren roter Bereich bei 5200 anfängt, mit kaltem Motor die 700 Meter zur Schule mit dem SUV kutschiert werden… dann könnte ein Benziner das besser. Vom Elektroauto nicht zu sprechen. Und den Satz, dass unsere Eltern uns für den Wunsch, die 700 Meter gefahren zu werden, ausgelacht hätten, lassen wir jetzt auch mal weg…

Seriöse Anwälte nehmen Dein Recht in die Hand…

Der Skandal mag neu sein – die Heiligsprechung des Diesels, auch unter falschen Einsatz-Bedingungen, die rein auf dem geringeren Verbrauch beruht, ist schon seit Jahren falsch und hat die Entwicklung, speziell bei der Deutschen Auto-Industrie lange in eine grundfalsche Richtung getrieben. Als VW Ende der 90er beim Passat immer noch mit zweistelligen Verbräuchen neben dem Toyota Carina unangenehm aufzufallen drohte, erklärten die Deutschen „Fach“magazine einfach, dass in dieser Klasse der Diesel angemessen sei. Und dass aus dessen Auspuff ganz andere Dinge herauskamen als aus dem Benziner, war auch damals nicht geheim.

Und von da an haben alle mitgemacht: Die Industrie rüstete die Diesel so lange auf, bis sie teuer und schnell und leise waren – und die Fuhrparks kauften sie blind ein, weil sie ja im Unterhalt langfristig günstiger waren. So war kein Druck mehr vorhanden, sparsame Motoren zu entwickeln. Einfach einen Diesel nehmen, den Turbo drauf, gut is‘.

Diesel? Ruß??? Nein, Kinder – davon wussten wir damals nichts…. Warum es eigentlichbis heute okay ist, 5000 Tonnen Feinstaub an Sylvester in die Luft zu ballern, muss uns übrigens auch bei Gelegenheit mal jemand erklären.

Ab den frühen 2000er Jahren konnten die Diesel dann auch ein paar Dinge plötzlich nicht mehr. Schon mal einen schweren Anhänger an einen modernen Diesel gehängt? Wenn der vorher 7 Liter verbraucht hat, braucht der dann plötzlich auch mal 12, weil seine Steuerungssoftware für einen anderen Einsatzzweck zurechtgefeilt wurde.

Ein nicht ganz unbekannter Automotive-Consultant hat uns 2004 schon konkrete Fälle genannt, bei denen die Software der Diesel zur „Anpassung“ der Papierwerte in eigenartige Richtungen entwickelt wurde, denn auch damals kostete die Reduktion der einzelnen Abgaswerte die Automobilkonzerne schon fantastische Summen – und wenn Du dich entscheiden kannst, ob du ein Auto wirklich ernsthaft und nachhaltig sparsamer machst oder lieber einen freakigen (billigen) Algorithmus die Sache machen lässt, dann scheint das bei einigen Managern eine leichte Entscheidung zu sein…

Es soll nur hinterher keiner sagen, das sei nicht bekannt gewesen… Auf der 2007er IAA, auf der viele von uns als Aussteller waren, war das ein Running Gag. Die Branche wollte mit Top-Werten glänzen und in den letzten Tagen vor der IAA zogen sie alle nach und stellten nur noch weisse Autos aus, die jetzt plötzlich „clean“ waren und durch magische Eingriffe 10 PS mehr hatten, gleichzeitig aber 2 Liter weniger Sprit brauchten. Haben das nur wir bemerkt….?

Eben.

Unser Diesel Golf damals, der WIRKLICH SPARSAM… 😉