Der rote Hugo hängt tot im Seil

5,8% aller Autos, die in 2017/2018 in Deutschland zugelassen wurden, waren rot.

1988, also vor mittlerweile 30 Jahren, lag der Anteil an roten Fahrzeugen noch bei rund 13,6% – jedes 7. Auto rollte also rot lackiert zum Kunden – das ist schon eine ganze Menge.

Und nicht nur das: Die Farbe Rot war klassenlos. Die roten Fahrzeuge von heute sind Fiestas, Opel Mokkas, da und dort mal ein Golf. Ist ein Passat rot, ist es im Normalfall ein Firmenwagen von Hilti…

Ja, meine Freunde – das ist ein rotes Auto

Eine rote E-Klasse? Kauft kein Mensch

Eine rote S-Klasse? Technisch möglich, ja… Aber was die Farbkarte da ausspuckt, ist das vermutlich einzige Rot, das schon bei normaler Sonneneinstrahlung in etwa aussieht wie Mahagoni. Wenn Du 1978 ein rotes Auto bestellen wolltest, dann gab es das in echten Rot-Tönen wie etwa dem kernigen Marsrot des Volkswagen-Konzerns – die Farbe für den ersten Golf GTI.

Boah… das soll jetzt rot sein? Echt?

Glatte, strahlende Rot-Töne – Autos, die man auf einem Firmen-Parkplatz aus 200 Metern Entfernung erkennen konnte. In den 80er Jahren, unter Kohl, wurde Deutschland seriöser. Das Rot wurde gedeckter – die Rotweintöne dominierten das Farbspektrum jetzt, gedecktere Töne, jetzt auch immer mehr als Metallic-Lack.

Aber Rot war wie gesagt präsent an jedem 7. Wagen. Was passierte dann – warum verschwand das Rot?

Hm… In den 70er und 80er Jahren kauften die Leute ihre Autos und statteten Sie so aus, wie sie sie über mehrere Jahre behalten wollten. Und diese Entscheidung trafen sie ganz alleine. Dies veränderte sich mit den Jahren erheblich. Wer heute einen Mittelklasse-Wagen in Deutschland kauft oder gar ein größeres Auto, der kauft den mit 60-80% Wahrscheinlichkeit als Dienstwagen. Der Anteil gewerblicher Zulassungen in der Oberklasse liegt sogar noch höher. Wer also heute einen 7er BMW kauft, der bekommt die rote Farbe nicht nur gar nicht erst angeboten. Selbst, wenn BMW sie ihm verkaufen würde, würde die Bestellung am Fuhrparkmanager scheitern. Der nämlich hat einen Satz in die Dienstwagen-Ordnung geschrieben, der heißt „…erfolgt die Anschaffung des Fahrzeugs in gedeckten Farben…“

BMW bietet rot in der Oberklasse erst gar nicht an – warum auch? Kaum einer der Kunden dürfte die Farbe kaufen

Was genau gedeckte Farben sind, bleibt dabei oft sein Geheimnis oder seiner Tageslaune überlassen. Andere Firmen schreiben die neue Realität gleich konkret fest und erlauben im Fuhrpark „Blau, Silber und Schwarz“ und ergänzen dann zynische Sätze wie „Abweichende Farben können auf Nachfrage durch den Holding Vorstand im Einzelfall genehmigt werden.“

Da überlegst Du dann drei Sekunden, mutige Menschen vier… Die Maus kreist im Konfigurator über einem Farbfeld, das verspricht „Farbskala Gelb und Orange“ – und dann klickst Du auf „Urban Grey metallic„, das Du mit dem blossen Auge im Prospekt eh nicht von „Silver Grey“ oder „Light Silver Classic“ unterscheiden konntest….

Hey Mann, Rot ist ja mal wirklich gar nichts…

Schaust Du heute auf einen Händler-Hof von Audi oder Daimler, könntest Du meinen, Du befindest Dich im Japan der frühen 90er Jahre. Nonkonformität ist durch – Silber ist angesagt, der aktuell scheinbar gedeckteste Ton von allen. Das sind die Autos, die Fuhrparkmanager so lieben, weil sie den geringsten Wertverlust haben. Deshalb verordnen viele heute beispielsweise den E-Klasse-Käufern im Fuhrpark ernsthaft Ledersitze – eine E-Klasse ohne Leder gilt gebraucht gemeinhin als unverkäuflich.

Und wieder gilt: Aus eigenartigen Gründen haben wir hier ein Stück Vielfalt eingebüßt, ein Stück kultureller bunter Identität – aber das System überholt sich längst selbst. Neulich sprachen wir mit einem Audi Händler, der gerade einen folierten roten A8 auf dem Hof gehabt hatte. „Den hatte ich kaum ausgezeichnet, als ein Architekt zu uns auf den Hof fährt und den Wagen anhand einer kurzen Besichtigung kauft – weil er endlich mal einen Wagen im Vorbeifahren bei uns auf dem Hof gesehen hat, der nicht schwarz, Silber oder blau war.“

Die Geister, die ich rief.

Tatsächlich zeigen die neueren Studien zu diesem Thema, dass die Farbwelt so ausgelutscht ist, wie nur was. Die Leute wollen wieder Farben haben – und die kleineren Klassen, in denen die Kunden keine Dienstwagen fahren, stellen diese Farben auch längst wieder bereit. Dort, wo Farb-Angebote zur Selbstwahl bereitstehen, werden dieses zwar nicht von der großen Masse gekauft – die Leute sind aber bereit, dafür soviel zu bezahlen wie für das große Navi: dicke vierstellige Summen!

Wer weiß… Am Ende war das der geheime Langfrist-Plan der Autoindustrie, um die Preise für Lackierungen ins Uferlose zu erhöhen….