VW Derby: Schräge Karriere des Hässlichen

Der geheime Promotor des ersten VW Derby muss die Deutsche Brau und Brunnen gewesen sein, denn kein Artikel über die Neuvorstellung des ersten VW Derby kam ohne den Hinweis aus, dass der Kofferraum ACHT Wasserkisten schluckte. Gerne wurde das dann visuell in Szene gesetzt mit den typischen hellbraunen Kästen, gefüllt mit Flaschen der Marken „Gerri“ oder „Brohler“. Ohne dieses Photo konnte man den Derby des Jahrgangs 1977 praktisch gar nicht vorstellen…

Der erste Derby beruhte auf dem ersten Polo, respektive Audi 50 – und im Grunde konnte er auch nicht leugnen, dass er wohl besser so etwas wie ein Audi 60 geworden wäre – er sah dem ersten Audi 80 zum Verwechseln ähnlich, wirkte, wie man das damals noch gern nannte wie ein „zu heiß gewaschener Audi 80“.

VW Derby

Über die Prospekt-Materialien sollte unser VAG „Partner“ später lüstern lästern

Und das war nicht ausschließlich der designerischen Einfallslosigkeit geschuldet, sondern durchaus kein unerwünschter Effekt. Der erste VW Derby mit seiner spießig konservativen Stufenheck-Karosserie war der Audi 80 für die Leute, deren „Kinder aus dem Haus“ waren und die neue Vernunft der von der Ölkrise angefressenen Spät-70er einem riet, einen kleineren Wagen zu fahren. Und diese kleineren Wagen mussten dann Limousinen sein, also klassische Stufenheck-Fahrzeuge – auch wenn die auf kleiner Fläche nun mal irgendwie hässlich sind…

Für diese Zielgruppe entstanden die Kofferraum-Zombies vom Schlage eines Ford Orion, Kadett E Stufenheck – und eben ja… der Derby der ersten Generation, der durch das Verlängern eines Polos der ersten Generation entstand. Weil das so angenehm leicht vonstatten ging und sofortigen Erfolg bei geringen Entwicklungskosten bescherte, zog Volkswagen die Nummer 2 Jahre später gleich noch einmal durch und launchte den ersten Jetta.

Beide Fahrzeuge waren zunächst tatsächlich von guten Verkaufszahlen verwöhnt: Im ersten Produktionsjahr entstanden mehr Derbys als Polos, was selbst die Volkswagen-Manager überraschte. Tatsächlich zeigten die Statistiken der VAG-Händler, das bemerkenswert viele Käufer übergelaufen waren, die bisher im Opel- und Ford-Lager ansässig gewesen waren. Einen Wagen dieser Größe mit Limousinen-Zuschnitt und dem gerade modern werdenden Frontantrieb, hatte keiner der beiden Mitbewerber im Angebot. Die Polo-Basis und die fast schon sträfliche Leichtbauweise machten den Derby nicht unbedingt leise – aber auch mit dem 50 oder 60PS Motor vergleichsweise agil. Sparsam waren die Modelle obendrein: Ein Derby verbrauchte gut und gerne 1,5 bis 2 Liter weniger als ein Kadett C oder ein Escort – und dabei bot das 60PS Modell in etwa die Fahrleistungen des heckgetriebenen 75PS Kadetts

Kadett und Escort war der Derby räumlich gar nicht mal so unterlegen, weil etwa kein Kardan-Tunnel raum wegnahm oder Platz für dicke Räder für die großen Modellversionen eingeplant werden musste: Während es Kadett und Escort mit weit über 100PS ausspuckenden Sportversionen gab, war beim Derby bei 60PS Schluß.

Aber VW hatte mit Stufenheck-Autos traditionell kein gutes Händchen. Der VW 1500 hatte sich bereits als Kassengift erwiesen, was man zumindest noch auf den Heckmotor zurückführen konnte – der Santana galt in besseren Kreisen lange Zeit als Lachnummer – und so ging es auch dem Derby. Die Verkaufszahlen sanken rasch.

VW Derby 1984 rot

Mein Gott… hatten die denn keine Designer damals in Wolfsburg? Na gut… die Frage ziehen wir zurück. Der erste Derby war eigentlich ganz passabel – der zweite sah wirklich schlimm aus

1981 kam der Nachfolger, der technisch zwar ein signifikant besseres Auto war, gleichzeitig aber diverse Teile seines Vorgängers sinnvoll weiter verwendete. Wie so oft jedoch platzierte Volkswagen diesen Vorteil gegenüber dem alten Modell so teuer, dass schon von Beginn an nicht gerade große Schlangen vor den Händlern entstanden. Hinzu kam, dass der erste Derby nicht gerade als hübsch gegolten hatte, jedoch als wohlproportioniert, während der zweite VW Derby ab 1981 nun wirklich nicht gerade als ausgewogen eingestuft werden konnte und zudem eigenartig hochbeinig wirkte. Das sah beim Plattformspender Polo 86c einigermaßen aus, beim Derby war es nicht cool.



Von eben noch 80.000 Einheiten jährlich rutschte der Verkauf des Wagens 3 Jahre nach der Präsentation auf schier lächerliche 5000 Exemplare ab, woran nun auch die verzweifelte Umbenennung in „Polo Stufenheck“ nichts ändern konnte, die VW auch beim Santana durchführte. Der Jetta war eigenständig genug, um seinen Namen behalten zu dürfen.

polo-classic-1996

Der Derby der 90er Jahre hieß Polo Classic. Boah, also mal im Ernst… das ist ja wohl…

1985 schließlich zog VW die Notbremse. Unser lokaler VAG Partner, der sich selten besonders partnerschaftlich verhielt, sagte meinem Vater damals, dass es sich kaum lohne, für die paar Karren überhaupt Prospekte zu drucken….

Erst 10 Jahre später tauchte der Derby auf – und erlebte zwei desaströse Wiedergeburten. Einmal als Polo „Classic“, dann später auf Basis des Nachfolgemodells als Polo „Limousine“. Beide Fahrzeuge basierten auf Re-Importen – aus Spanien, später aus Brasilien. Während aber etwa der Seat Cordoba ins rechte Marketing-Recht gerückt wurde und damit, obwohl er nichts anderes als der spießige Polo Classic war, einigermaßen erfolgreich war, wollte den neuen Derby niemand haben. Zurecht: Speziell das zweite Modell war in Teilen lieblos auf den Deutschen Markt angepasst worden – und einen Trend zu kleinen Stufenhecklimousinen gab es auch nicht mehr. So richtig hatte es den wohl genau genommen nie gegeben – zurecht, wie wir finden…