Modellprogramme zerplatzen – Nischen-Irrsinn an der Verkaufsfront

Kürzlich trafen wir uns mit unserem alten Volvo-Händler unseres Vertrauens und mussten feststellen, dass er zurzeit auf einem modernen Schlachtfeld lebt. Da fahren jede Menge Bagger herum, da wird Erde abgetragen, da gibt es Kräne… Es ist Umbauzeit.

Der Volvo-Händler, den wir seit immer kennen, bei dem in Teilen schon unsere Eltern Volvos erworben haben, zeigt ein Stück weit die typischen Merkmale der Historie – bei Volvo in einer etwas zeitverzögerten Form.

Dies wird ein Volvo-Autohaus für die Zukunft

Johannes, der hier baut, ist 48. Er hat den Laden seines Vaters 1996 angesichts dessen fortschreitender Krankheit, früh übernommen und sein Vater hatte den Betrieb an diesem Standort 2 Jahre früher gerade gebaut. Zuvor war der Volvo-Händler tatsächlich am Rande der Innenstadt ansässig gewesen, wo sein Vater ihn in den späten 70ern errichtet hatte. Damals hatte Volvo die 200er Serie und der 300er war gerade dazu gekommen. Der Showroom ließ satte 3 Fahrzeuge zu – was damals völlig ausreichte. Wenn man sich bemühte, konnte man 4 Fahrzeuge stellen, aber das war eher was für kurze Zeit.

„Heute,“ sagt Johannes, „kannst Du dir das gepflegt in die Haare schmieren. Wir haben alleine 3 SUVs mittlerweile, dann 3 Kombis und die große Limousine – und nächstes Jahr kommen die Polestar-Modelleals Tesla-Konkurrenz. Wenn wir mittelfristig keinen 12 Fahrzeuge stellen können, sind wir nicht mehr handlungsfähig – wir bauen für 16.“

Wie viele Modellreihen Mercedes zurzeit baut, weiss vermutlich nicht einmal mehr Mercedes so recht

Und da, erklärt uns Johannes, ist man mit Volvo noch gut dran: Audi, BMW und Mercedes – vor allem letztere – kommen mittlerweile auf deutlich über 20 Modelle. Mercedes hat ganz entschieden die meisten. Und da denke man jetzt mal kurz an die 80er Jahre zurück: W123, W126, C126, G-Klasse, C123, S123 – bevor der W201 kam, konnte man die gesamte Palette in einem großen Wohnzimmer ausstellen – heute wird es in der Sporthalle eines städtischen Gymnasiums schon schwer. Ein Audi Hangar erreicht die Ausmaße mittlerer Neubausiedlungen – und kostet vermutlich auch ebensoviel.

„Wie die Typen von Mercedes das machen, weiss ich nicht,“ erklärt uns Johannes – „die haben ja zum Teil recht exotische Kisten im Programm – und die kosten dann auch noch soviel wie ein Einfamilienhaus. Wenn Du dir das Ganze Programm in dem Showroom stellen willst, hast du da mehrere Millionen stehen. Gemessen daran ist bei uns alles überschaubar. Aber das ist ja nicht so schlimm – das kannst Du finanzieren. Aber mit jedem Modell kommt Ausbildung dazu, Schulung, Lagerhaltung, alle möglichen Unterlagen… Mir hat bei einer Händlertagung mal einer erzählt, dass die BMW-Händler froh sind, wenn einer mit einer ausgedruckten Konfiguration in den Laden kommen, weil die Kunden mittlerweile die Modelle besser kennen als die Verkäufer; so unübersichtlich ist das geworden mit allen Baubarkeitsregeln und Sonderkonditionen.“

Wahnsinn in Serie

Tatsächlich sind die Rüstkosten für alle weiteren Baureihen, die ein Händler heute anbieten muss, höher als man gerne vorneweg als Hersteller behauptet.

Wie lange die unfassbare Menge an Modellen tatsächlich mehr Autos verkaufen soll, bleibt dabei ein Rätsel. Ursprünglich sollte diese Struktur ja die Markentreue fördern. Die ist jedoch in den letzten 6 Jahren so sehr abgesunken wie nie zuvor. Die Leute kaufen entweder nach Clustern („ich kaufe Premium“) oder nach Klasse („Ich will ein SUV“) – und dann kommt irgendwann mal die Marke. Als die Entwicklung der heutigen Modellprogramme begann, sah das noch anders aus – und nun – wie werde ich die Geister los….?

Und am Ende dreht es sich hierbei auch noch um ein weiteres Thema: Die Ersatzteil-Haltung wird irgendwann so unwirtschaftlich werden, dass die Ersatzteilzyklen kürzer werden und die Haltbarkeit von Autos sinkt, sofern nicht der 3D Drucker final die Ersatzteilversorgung zu übernehmen imstande sein sollte.

Vielleicht drucken wir dann in 20 Jahren die Ersatzteile für die aktuelle E-Klasse lieber selbst…

Den Showroom des bisherigen Volvo-Händlers übernimmt übrigens Dacia. Deren Modellpalette ist so übersichtlich, dass sie bei manchen Renault-Händlern einfach so mit rein passt: 5 Modelle.




4 Gedanken zu „Modellprogramme zerplatzen – Nischen-Irrsinn an der Verkaufsfront

  1. …ein neues Modell interessiert heute kaum noch jemand. Ein Wechsel innerhalb einer Modellreihe noch weniger. Vergleicht man das nochmal mit den 80 zigern dann waren das damals teilweise Eruptionen die lange Stammtisch Diskussionen nach sich zogen.
    Die Verkäufer sind jedenfalls nicht (mehr) zu beneiden. Eine Marke -ratet mal- evtl. ausgenommen .

  2. Und wenn du dann beim Mercedes-Händler bist und die Beraterin fragst, ob sie die neue A-Klasse da haben und sie den CLS sieht, sich nicht sicher ist, ob es nicht doch die A-Klasse ist und erst die Seitenansicht anschauen muss um festzustellen, dass es eine Limousine ist, also doch ein CLS, dann ist da was schief gelaufen. Es ist auch dann ein Fehler im System, wenn es so viele Modelle gibt, dass sich dein örtlicher, sehr großer Mercedes-Händler keine A-Klasse in den Schauraum stellen kann, weil einfach kein Platz mehr ist. Ich persönlich benötige nur A, B, C, E, S, SLK und G. Alles andere könnten sie meinetwegen vom Markt nehmen.

  3. So ist es (leider). Und genau dies hat – neben der Tatsache natürlich, dass ich einfach älter geworden bin – dazu geführt, dass ich mich schon seit Jahren nicht mehr für „neue“ Autos interessiere und auch keine „normalen“ Autozeitschriften mehr lese. So vor 25 Jahren war das anders: Da kannte ich die meisten Modelle „auswendig“ und man wusste immer, welches Modell wo in der Palette anzusiedeln ist. Das war eine schöne, einfache Welt :-). Heute ist es nahezu unmöglich, sich noch einen Überblick über die Modelle der wichtigsten Hersteller zu machen im Sinne von dass man die Modelle nicht nur von der Bezeichnung her kennt (was schon schwer genug ist), sondern auch weiss, durch was sich die einzelnen Modelle nun unterscheiden.

  4. Schöner Artikel hierzu:
    https://www.welt.de/wirtschaft/article185131950/VW-nimmt-seinen-Kunden-die-grosse-Auswahl-weg.html

    Zitat:
    „Die Wolfsburger haben mal nachgerechnet: Im vergangenen Jahr hatte VW in Deutschland fast 84.000 Golf verkauft. Davon hatten mehr als 58.000 unterschiedliche Konfigurationen. „Gerade mal 400 Golf waren identisch, von den unterschiedlichen Farben mal abgesehen“, fasst Ralf Brandstätter zusammen, der unter Konzernchef Herbert Diess das Geschäft der Stammmarke VW leitet. „Das heißt: Wir bauen Unikate.“

    Was für ein Wahnsinn.

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