Wenn Du keinen Lotus gefahren bist, bist Du noch nicht Auto gefahren

Ein Freund von uns, der leider nicht mehr unter uns weilt, hat vor etwas über 10 Jahren gesagt

Wenn Du keinen Lotus gefahren bist, bist Du noch nicht Auto gefahren

Und irgendwie ist uns das immer im Kopf geblieben – also haben wir uns zum Jahreswechsel einmal aufgemacht, so einen Lotus zu fahren – und zwar in seinem Heimatland, stilgerecht.

Colin Chapman, Gründer von Lotus, die nun auch schon seit Jahren nicht mehr in britischer Hand sind, sondern in malaysisch / chinesischer Hand, war ein Freak. Er war einer, der konsequent an den Sportwagen glaubte – und der sollte leicht sein, direkt, kompakt und auf Sport konzentriert.

Lotus Esprit

Bei der Innenbreite ist praktisch gleichgültig, auf welcher Seite der Strasse man un fährt

Wir sind vor einigen Jahren mal einen Bausatz-Super Seven gefahren – sicherlich das krasseste, was man so auf die Strasse bekommen kann – aber den fanden wir nicht cool.

Und so trafen wir im Heimatland der Bausatz-Roadster auf den Lotus Elise und den Lotus Evora, die wir einen Tag bewegen durften. Und fürwahr: Ein bleibendes Erlebnis, dass die zitierfähige Äußerung unseres guten alten Freundes, der nicht mehr unter uns weilt, posthum in ein neues Licht rückt. Die Modelle der aktuellen Modellpalette sind nach wie vor dem Geiste Colin Chapmans verpflichtet.

Und da steckt auf eine ganz komische Weise eine ganze Menge Youngtimer drin.

Lotus Elise

Direkter geht es wohl einfach nicht

Während der Lotus Evora schon Upper Class repräsentiert und dicke Backen macht, die er mit erheblichen Leistungen rechtfertigt, ist der Elise noch die alte Schule.

Der Evora ist etwas für Fahrer mit einem starken Todeswunsch – und das lag nicht daran, dass wir ihn konsequent auf der „falschen“ Seite der Strasse fahren mussten. Der Wagen rotzt 350PS auf die Strasse – und das in einem Wagen, der sich die ganze Zeit anfühlt wie ein Computer-Spiel. Das ist surreal und unkomisch – für den brauchst Du nicht nur ein erhebliches Maß an Verantwortung, für den brauchst Du auch fahrerisches Können, Charakterstärke und Alarmsignale im Kopf. Klar ist: Schon nach wenigen Kilometern ist die klar, dass der Wagen alles verändern wird, was Du je bewegt hast. Aber das ist eine andere Geschichte. Der Wagen, der uns ans Herz gewachsen ist, ist ganz eindeutig der kleiner Lotus Elise. Der hat gerade einmal 136PS – eine Leistung, die heute jeder Langweiler-Golf mit sich herumschleppt – am besten noch gepaart mit dem Drehmoment von zwei LKW und einem Turbo-Diesel.

Ganz anders der Lotus Elise.

Loch Lubnaig – am unteren Ende der Highlands – und die Strassen sind ein Traum

Der it reduziert, der ist eng, der ist leicht – und seine 136PS haben ein leichtes Spiel mit der Karosserie, das uns an die besten Momente mit Fahrzeugen wie dem ersten Faustkeil-Scirocco erinnert. Nur, dass der im Verhältnis zum Lotus ein total profanes Fahrwerk hatte, das neben dem des aktuellen Lotus in etwa das Niveau einer Kutsche hatte.

Das Fahrwerk des Lotus würde mit einem schwereren, schnelleren Fahrzeug mühelos zurechtkommen – muss es in diesem Falle aber nicht.

Und Du brauchst einen Moment, bis dir klar wird, was Du davon eigentlich tatsächlich hast und haben kannst. Der Wagen ist leicht. Warum die aktuellen Modelle des Wagens mittlerweile mit 160PS herumfahren, ist für uns nur halb verständlich – aus unserer Wahrnehmung hätte der Wagen auch mit 100 oder vielleicht auch 75PS noch richtig Spaß gemacht.

Warum?

Land der Ruinen

Das musst Du dir erst einmal wieder antrainieren. Wenn Du aus einer der üblichen 1,6 Tonnen-Mittelklasse-Limousinen von heute in den Lotus umsteigst, dann brauchst Du ein paar Kurven, um die Vorzüge zu begreifen, denn dieser Wagen wiegt 840 Kilo. Der Händler, der uns den Wagen zur Verfügung stellt, hat ein gestriptes Modell im Showroom, der sogar nur 780 wiegt. Wann wog das letzte mal ein Auto 800 Kilo? Das gab es nur zu Zeiten des Golf I – und wer den mit so exotischen Ausstattungen wie Automatik orderte, kam da glatt drüber.

Und nun rechnen wir mal: Der krasseste Golf I war der GTI – und der hatte 110PS – der Lotus hat noch einmal ein sattes Viertel mehr, das viel krassere Fahrwerk und oben drauf noch eine strömungsoptimierte Karosserie der Neuzeit sowie eine wirklich kurze Übersetzung. Gemessen an dem vermitteln manche GoCarts ein indirektes Fahrgefühl…

Denn ganz wichtig dabei: Die unemotionale (und falsche) Milchmädchen-Rechnung wäre jetzt zu berechnen, dass ein 1,6 Tonner mit 270PS sich ja wohl ähnlich cool fahren wird. Also irgendein mittlerer Porsche oder ein stattlich motorisierter 3er von heute.

Deutlich erwachsener: Der Lotus Evora – und der stemmt seine >300PS auf 1250 Kilo…

Das jedoch erweist sich als fahrphysischer Quatsch.

Das eigentlich spannende am Lotus ist seine mangelnde Massenträgheit mit einem tiefen Schwerpunkt, der beispielsweise durch ein Stoffdach erreicht wird und einem extrem schmalen Innenraum, der alle Fliehkräfte zur Mitte hin zentriert. Das ist Formel 1. Und was passiert da nach der 5. Kurve? Du verstehst plötzlich, dass dich das Gewicht nirgendwo hin drückt in der Kurve – da ist keine Trägheit, keine Masse. Und das bedeutet: Du lernst zu bremsen, wenn die Kurve praktisch schon vorbei ist. Und eine Sekunde später beschleunigst Du voll raus und der Motor muss praktisch keinerlei Gewicht bewegen. Du fährst also bis ganz hinten in die Kurve schnell und bist sofort danach wieder schnell. Im Grunde bist du also einfach immer schnell und wirst in der Kurve gar nicht erst langsam.

Ganz gleich, wer vor der Kurve hinter dir war – nach der Kurve ist er weg. Auf einer großartigen Landstrasse entlang des Loch Lubnaig erwischen wir ein paar Endzwanziger mit dem, was der Brite „Hot Hatches“ nennt – übermotorisierte kompakte Autos – in dem Falle ein Golf GTI, ein Focus ST und ein Hyundai I30N. Letzterer bringt es etwa auf die doppelte Motorleistung des Lotus. Und obwohl wir ganz sicher nicht über einen ausgeprägten Todeswunsch verfügen: Keiner der 3 kann auch nur an unserem Heck schnuppern.

Anders ausgedrückt: Wenn es nach uns ginge, müsste man für so einen Wagen ein Mindestalter aufrufen – und das läge nach unserer Ansicht deutlich jenseits der 30.

Zumindest für Männer.

Und da fallen dir die ganzen Erlebnisse Deiner Jugend wieder ein, als du die leichten Autos gefahren bist. Wir hatten schon immer gewusst, dass wir uns zu einem Lotus auch als Neuwagen hinreissen lassen würden. Jetzt sind wir uns auch von Fahrersitz aus betrachtet sicher – auch wenn der Fahrersitz in dem Falle ja auch irgendwie auf der Beifahrerseite montiert war….

Klar ist: Wir werden diese Strassen noch einmal fahren. Klar ist auch: Wir werden es in diesem Wagen tun, Gepäck hin oder her.