„Ein in jeder Hinsicht durchschnittliches Auto“

Unser Freund Hagen Hund sagte einmal „Wenn Du nach dem langweiligsten Auto der 80er Jahre suchen würdest, dann würdest Du den glatt vergessen, weil der so vollkommen überflüssig war.“

Und mit der Meinung stand er nicht allein  – Die Monatsschrift für Kraftverkehrs-Wirtschaft und -Technik resümierte über den Simca 2 Litre, dass er in „jeder Hinsicht ein durchschnittliches Auto“ sei. Viel weniger kann man wohl von einem Auto-Test nicht verlangen.

Aber es ist schon etwas dran. Neben dem  Chrysler 160 wirkte selbst ein K70 beinahe irgendwie rassig – und dieses Attribut würde dem K70 niemand freiwillig zugestehen. Ein zeitgenössischer Ford Taunus oder der erste Granada, ein Peugeot 504… Das waren die Autos, mit denen der Wagen mithalten sollte – und dazu hatte er wirklich nicht das designerische Rüstzeug mitbekommen.

Er ist so etwas wie der Blech gewordene Amalfi aus der TV-Serie „PS“ – der Wagen, der von allem etwas bieten sollte. Das Design war bieder, die Technik mässig, das Fahrwerk unspektakulär bis schwach, die Verarbeitung mild, die Motoren langweilig.

Ich erinnere mich noch, dass mein Onkel damals einen hatte und sich erst jahrelang auf Familienfesten dafür belächeln lassen musste und dann anschließend verspottet wurde, weil er den Wagen über ein Jahr immer wieder in der Tageszeitung inserierte – es sich aber kein Käufer einfinden wollte.

Der Wagen war wirklich ein Stammtischversager – und das auch noch in mehrfacher Hinsicht. Den Briten war er zu französisch, den Franzosen zu britisch, den Deutschen zu amerikanisch – und alle hatten sie ein bisschen Recht: Der Wagen, der es nicht einmal zu einem richtig steten Namen brachte, hatte von allem etwas mitbekommen und dabei irgendwie keine Richtung erhalten. Die amerikanische Mutter hatte mitgemischt, die britischen Ingenieure, die französischen Designer…

US-Automatik in einem eher britisch anmutenden Innenraum mit französelnden Polstern. Clash of Cultures…

Die Marke befand sich zu den Zeit stark im Umbruch und so wurde der Wagen unter dem Namen Chrysler 160 verkauft, unter dem Namen Chrysler-Simca 1610 und schließlich unter Talbot Simca 1610 – und parallel je nach Motorisierung zunächst noch als 180 und stets als 2 Litre. Und auch das brachte meinem Onkle beispielsweise ein Problem ein – denn: Unter welcher Rubrik inserierst Du den, damit ihn möglichst viele finden? Eben.

Und wenn dich jemand fragte, was Du für einen Wagen fährst, dann sagtest Du etwas und erntetest einen verständnislosen Blick. In der maskulinen Auto-Gesellschaft der 70er und 80er Jahre ein Desaster.

Dabei war der Wagen ja zunächst einmal nicht hässlich oder so. Und er war auch nicht der Rover SD1, den sie versehentlich als Fließheck gebaut hatten. Der Chrysler 160 war artig und folgte dem Muster.

Nur eben ein wenig zu sehr.

Wäre er wenigstens billig gewesen oder sauteuer oder in irgendeiner Form exotisch – aber all das war er nicht. Er war serienmäßig einigermaßen gut ausgestattet, wenn man ihm etwas zugute halten wollte – und auf der Rückbank hatte er passabel viel Platz. Das war es dann aber auch. Die Automatik aus dem Mutterhaus machte den Wagen zur Schnecke, die Lenkung gestattete es nicht, die theoretische Straßenlage auszunutzen. Obwohl der Wagen nicht einmal 1100 Kilo wog, galten 13 Liter bei der 110PS Maschine eher als Minimum. Jeder Opel Rekord konnte das besser, bot aber mehr Platz, mehr Prestige und bessere Wiederverkaufswerte…

Elegant oder durchschnittlich? Die Meinung der Zeitgenossen war hier klar. Die Werber bemühten sich, den Wagen als „Amerikaner aus Paris“ zu verkaufen, was auf keinem der relvanten Märkte auch nur ansatzweise funktionierte.

Und als wäre das nicht schlimm genug: Ab Mitte der 70er sprach es sich auch noch herum, dass die ständigen Wechsel von Zulieferern und Produktionsabläufen den Wagen nicht besonders zuverlässig machten. Und das war noch das beste daran. Schlimmer war: Ging etwas kaputt, konnte es zuweilen Wochen dauern, bis das richtige Ersatzteil gefunden und verschickt worden war, weil oft nicht klar war, welches Teil rund herum verbaut worden war und mit welchen Teilen es zusammenarbeiten musste.

Ein Desaster, dass auch die Auto-Zeitschriften aufnahmen. Die Gebrauchtwagen-Preise rasselten daraufhin in den Keller, was man in Deutschland gar nicht so präzise merkte, weil der Wagen im Grunde zu selten war. Auf den stärkeren Märkten jedoch war das ein riesiges Thema, das den Wagen gleichermaßen unverkäuflich werden ließ – denn immerhin wurde er von seinen 3 Herstellern in Folge satte 10 Jahre gebaut, was ohne das Chaos unter dem Dach von Chrysler / Simca / Talbot vermutlich so nie geschehen wäre, Aber woher sollte man einen Nachfolger nehmen? Dass der Nachfolger später eine weit schlimmere Karriere durchlaufen sollte, konnte niemand ahnen…

Am Ende war der Chrysler 160 oder wie auch immer man ihn bezeichnen mag, ein Opfer chaotischer Umstände. Ein Opfer des Machtvakuums in den Chefetagen seiner Macher und ein Opfer der Gewerkschaften, die die Lieferketten der Zulieferer praktisch zerstreikten.

Eines der ganz späten Modelle. Zu diesem Zeitpunkt waren die Verkäufe kaum noch zu messen

Irgendwann ließ dann wirklich niemand mehr ein gutes Haar an dem Wagen – es war hip, ihn blöd zu finden, auch wenn das damals niemand so gesagt hätte. Das ruinierte die Wiederverkaufs-Chancen so sehr, dass nur noch Freaks diesen Wagen kauften. Die ADAC Motorwelt widmete dem Wertverlust-König einen eigenen Bericht – man muss sich freuen, dass es die AutoBild damals noch nicht gab. Jedoch: Nicht einmal mehr die hartgesottenden Käufer von Billigautos wollten den Wagen zu diesem Zeitpunkt haben, weil eben die Ersatzteillage schwierig war und klar war: Den wirst Du nicht mehr los. Ende der 80er Jahre hat uns mal ein Gebrauchtwagenhändler in Krefeld erzählt, dass sie einen 2 Litre Automatik nach 3 Jahren Standzeit verschrottet hätten. Klang glaubhaft.

Und so verschwand der ohnehin nicht übermäßig verbreitete Wagen auf der ganzen Welt schneller als jedes andere Fahrzeug dieser Klasse. Flankiert von der Tatsache, dass es mit der gesamten Marke parallel bergab ging. Sein Unseliger Nachfolger Talbot Tagora brachte es in knapp 3 Jahren nicht einmal auf 20.000 Fahrzeuge – das schaffte ein Golf in der Zeit in 3 Wochen – und zwar alleine in Deutschland.

Es gab nicht viele glücklosere Fahrzeuge in dieser Zeit.