Automobile Lichtgestalten: Henry Leland

Henry Leland kennst Du nicht? Nein… der ist nicht der Gründer von British Leyland – in dem Falle wäre er nämlich schon mal ganz sicher keine Lichtgestalt…

Tatsächlich dürfte er der einzige Automobilmanager sein, dem es gelang, gleich 2 Premium-Marken zu gründen. Wenn auch diese Darstellung immer etwas irreführend erscheint, da das so klingt, als sei er einer dieser Serien-Entrepeneurs gewesen, wie man sie heute aus manchen Startup-Szene kennt, der Elon Musk des letzten Jahrhunderts. Das allerdings stimmt so nicht.

Der Cadillac für Frank Sinatra entstammt noch dem Geist der Fertigungsphilosophie Henry Lelands

Henry Leland wurde 1843 geboren – und da ging „Karriere“ noch etwas anders, auch wenn die Automobilbranche sicherlich in mehrerlei Hinsicht die StartUp-Szene der damaligen Zeit war und Goldgräberstimmung hier durchaus auch eine Rolle spielte.

Und da kam ein Typ wie Henry Leland, der echtes Basis-Knowhow in die Szene der Experimentierer einbringen konnte, gerade recht. Im Gegensatz zu den meisten „Ingenieuren“ der Szene hatte er fundiertes Produktions-Know how aus Stationen in Mischkonzernen mit im Gepäck – große Teile davon aus der Rüstungsindustrie und der Waffenherstellung. Bei diesen Produktionszweigen ging es um Präzision und Wartbarkeit der Komponenten über die Lebensdauer. Gedanken, die bei der Fahrzeughersteller noch gar nicht so recht Einzug gehalten hatten, wo man noch mehr mit Motoren- und Fahrwerkstechnik experimentierte.

Lincoln wurde der ewige Verfolger der großen Cadillacs, die es auch international zu mehr Ruhm brachten

Als Leland mit immerhin 59 Jahren als Berater bei Henry Ford angestellt wurde, hatte er Jahrzehnte an Wissen über Produktionsabläufe und deren Strategische Ausrichtung angesammelt und selbst verantwortlich große Massenproduktionen geleitet. Die Philosophie Henry Fords zielte auf Gewinne durch hohe Stückzahlen in der Massenproduktion, während Leland das Glück in besserer Qualität und höherer Haltbarkeit der Komponenten sah.

those were the days…

Während Henry Ford sich also konsequent von der Company trennte, um seine eigene Vision umzusetzen, steuerte Leland in der Firma gegen und setzte auf die qualitativen Themen und entwickelte das System der fremdproduzierten Komponenten erheblich weiter. Auf diese Weise wurde sichergestellt, dass auch kleine Werkstätten oder Privat-Leute in einem großen Land, das längst noch keine Ersatzteil-Logistik-Strukturen aufweisen konnte wie heute, Fahrzeuge an jedem Ort reparieren konnten.

Bis heute Kult: Große Cadillacs – auch, weil sie technisch profan sind und mit einem großen Hammer ein Drittel aller Probleme behoben werden kann

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Das Unternehmen, jetzt mit seinem neuen Qualitätsanspruch zu Cadillac umfirmiert, sah einen großen und wichtigen Faktor seines konstruktiven Auftrages darin, dass die Fahrzeuge leicht lange in Betrieb gehalten werden konnten. Man sah es als wichtig an, dass andere Hersteller Teile für den Wagen fertigen konnten, damit der Verschleiß eines Fahrzeuges auch von Privat-Personen ohne weitere Ausbildung im Griff gehalten werden konnte. Hierfür wurden Komponenten vereinzelt, damit die Ersatzteil-Preise für einzelne Komponenten sinken konnten und nicht sinnlos große Teile getauscht wurden, weil eigentlich ein kleines Teil verschlissen war…

Mastermind himself

Da stockt einem aus heutiger Sicht der Atem, wo der Ersatz einer Navi-/Klima-Steuereinheit mit 4.000 Euro zu Buche schlägt, weil das Teil als Komplett-Teil konstruiert wird…

Aber ganz klar: Mit den hohen Fertigungsstandards bei Dauerlast-Komponenten schuf Leland tatsächlich ein Credo, das Bestand hatte. Jeder, der einmal einen alten US-Wagen gefahren ist, weiss, dass die in Teilen arg ramponiert aussehen mögen, die grundlegende Mechanik aber profan und haltbar gehalten wurde. Bis weit in die 90er Jahre wurde das konzeptionell beibehalten. Der Misserfolg heutiger Detroit-Produkte beruht in großen Teilen auf der Abkehr der Konzepte von Leland, der Detroit prägte.

Was mit technischer Überlegenheit in der Fertigung startete, artete in den 70er Jahren in die Luxus-Limousinen der Marken Cadillac und Lincoln aus, die von damaligen Wohnzimmern nur schwer zu unterscheiden waren

Als er Cadillac an General Motors verkaufte für damals ungemein stattliche 5,3 (je nach Quelle sogar 6,2 oder nur 4,3) Millionen US-Dollar, war er jedoch noch lange nicht müde. Mit immerhin 74 Jahren konzipierte er ein neues Werk, ließ dies in Rekordzeit bauen und legten den Grundstein der nächsten US-Premium-Marke Lincoln. In einem Alter, in dem man sich längst hätte zur Ruhe setzen können. Leland war beinahe 80, als Lincoln in wirtschaftliche Schieflage geriet und von seinem alten Arbeitgeber Ford aufgefangen werden musste. Ford verfolgte jedoch andere Pläne als Leland und modelte Lincoln zu einer Division um, die tatsächlich ausgerechnet mit Cadillac konkurrieren musste, was über die nächsten Jahrzehnte ein stabiler Zustand werden sollte, bei dem Cadillac die Nase im Regelfall vorn hatte.

Angemessen motorisiert für den Oil Baron’s Club? Der Cadillac Fleetwood war die US-Version der hiesigen S-Klasse

Von alledem bekam Henry Leland nur noch ein geschränkt viel mit. Er starb 1932.

Er wurde in die Automotive Hall of Fame aufgenommen – aber seine beiden Arbeitgeber Lincoln und Cadillac widmen ihm jeweils nur bebilderte Fußnoten in ihren Museen. Selbst die National Inventors Hall of Fame hat den US-Ingenieur erst 2011 (!) aufgenommen für sein Patent der tauschbaren Teile in der Automobilproduktion. In Summe fällt seine Würdigung schmal aus gemessen an seinem Einfluss, was US-Historiker zu großen Teilen auf sein gespanntes Verhältnis mit Henry Ford zurückführen.

So bleibt er am Ende ein stiller Star.



8 Gedanken zu „Automobile Lichtgestalten: Henry Leland

  1. Auch von mir einen bis zwei Dank für Euren Artikel.
    Eine Frage: Welchen Wagen würdet Ihr mir im hiesigen Raum empfehlen, wo ich als Laie Hand legen kann?

    Grüße
    Rüdiger

  2. Wie immer, ein toller und informativer Artikel von Euch. Vielen Dank.

    Aber eines muss jetzt einfach raus: Das alte Märchen, dass Ami-Motoren primitive Maschinen sind, die lediglich wegen gigantischer Hubräume Leistung produzieren stimmt einfach nicht!
    Und wenn da jetzt schon ein Bild von einem Late Sixty Caddy als Beispiel ist, vergleiche ich mal „Deutsche Ingenieurskunst“ mit der aus Detroit: 1968 hatte der „größte“ Käfer 1,5l Hubraum und schöpfte daraus 32,6kW. Macht 21,6kW auf den Liter.
    Die Sternenkreuzer aus Stuttgart hatten den M100 Motor im 300 SEL 6,3 und „600er“. Der leistete 184kW aus 6332ccm. Macht immerhin 29kW aus dem Liter Hubraum. Ich denke, niemand würde den M100 als primitives Hubraummonster bezeichnen.
    Vergleichen wir das mal mit dem 67er Cadillac. 429Cui sind 7,03l. Leistung ist ein Problem, da sie in den Staaten in SEA angegeben wird/wurde. Rechnen wir von den 254kW 20% ab, um sie mit den DIN PS zu vergleichen, bleiben 203,2kW übrig. Das sind dann aber immer noch 28,9kW auf 1000ccm. Der Cadillac Motor ist also praktisch genau so leistungsfähig wie die Spitze des deutschen Motorenbaus! Hier haben eben keine Hillbillys „think big“ betrieben.

    Sorry, wenn das etwas off-topic ist. Es musste aber einfach mal raus!

    1. Durchaus. Auf der anderen Seite haben wir etwa aus gleichen Periode den BMW E3 als 2800er mit 45KW/Liter oder den W115 mit knapp 21KW – als Diesel wohlgemerkt. Amerikanischer Motorenbau ist auch bei weitem nicht so primitiv wie die Art, wie die Amis damals mit Platz umgingen. Der Kofferraum des Chevy Caprice ist so lang wie eine halbe Garage und das Ersatzrad liegt praktisch mittendrin… In Deutschland unvorstellbar.

    2. Ja der Käfer war 1968 eigentlich der Dinosaurier mit Luftkühlung und archaischer Karosseriegestaltung und Platzausnutzung
      Deutlich besser: Opel Kadett A/B und Ford Escort; moderne Wagen von US-Firmen für Europa in Europa entwickelt.
      Die Mär mit den riesigen Ami-Motoren ohne Leistung kam doch erst mit der Umweltgesetzgebung und Ölkrise auf, als die Motoren richtiggehend kastriert wurden.

  3. Toller Bericht, wie immer super geschrieben.
    Ja, das waren noch Zeiten, als bei einem Cadillac faktisch mit einem Hammer das Meiste repariert werden konnte.
    Funktioniert heute nicht mehr, da verdient ja niemand mehr dran, und überhaupt, sonst würden die Leute ihre Autos ja länger fahren, wenn sie schnell und unkompliziert reparabel wären.
    Naja, andere Geschichte.
    Macht weiter so!
    Wunsch: Chrysler LeBaron oder dessen Nachfolger.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.