Ohne Blick aufs Baujahr: Den letzten Jaguar XJ retten, jetzt

Wenn man nach dem letzten echten Opel oder dem letzten echten Benz fragt, dann ist das oft eine komplexe Antwort, die sich zudem über die Jahre verändert. Fragt man nach dem letzten echten Jaguar, ist das Bild eindeutig.

Der letzte echte Jaguar ist der Jaguar mit dem internen Code X350 – der Jaguar XJ, der noch so aussieht wie ein Jaguar XJ schon immer ausgesehen hat und immer aussehen sollte.

Nicht gegen den aktuellen XJ, den Jaguar auch schon seit spektakulären 10 Jahren in einem umkämpften Premium-Wettbewerbsumfeld im Programm hat. Der aktuellen Jaguar XJ ist wirklich ein cooles Auto mit einer sehr spektakulären Erscheinung. Aber der X350 ist der letzte echte Jaguar XJ – und damit in gewisser Weise auch automatisch der letzte echte Jaguar, wenn es da etwas zu schützen gilt.

Die Form debütierte bereits 35 Jahre vor dem X350 im ersten Jaguar XJ von 1968. Der XJ war zudem der letzte Jaguar, der noch unter der Regie des Firmengründers Sir William Lyons entstand. Und vielleicht viel wichtiger: ab 1972 konnte man den XJ mit dem Zwölfzylinder kaufen, den niemand sonst zu bieten hatte und schon gar nicht zu diesem Preis. Ein W116 kostete als vergleichbar motorisierter 450SEL 6.9 stattliche 70.000 Mark – der Jaguar war besser ausgestattet und fuhr in seinem ersten Jahr für schlanke 39.995 Mark zum Jaguar-Händler.

Und so geil der W116er Benz war – der Jaguar XJ hatte ihm diesen kleinen Hauch von Rolls-Royce voraus. Lange Zeit konnte er es qualitativ nicht mit dem Benz aufnehmen – das wurde erst ab den frühen 80er Jahren unter John Eagen besser und erreichte auch da noch nicht die volle Benz-Qualität.

2003 jedoch, als der letzte echte Jaguar erschien, war die gebotene Qualität unangezweifelt. Der Jaguar war nicht nur ein tolles Auto, er war auch ein wertvoller Wagen. Und konstruktiv war Jaguar hier etwas gelungen, was schon an Zauberei grenzte. Der Wagen war unfassbare 13 Zentimeter höher als sein Vorgänger uns satte 10 Zentimeter breiter als sein Vorgänger. Und dennoch schaffte er es, sportlich gedrungen und flach zu wirken wie alle seine designerisch legendären Vorgänger.

Es gelang Jaguar, die wichtigsten Vorwürfe der Motorpresse zu entkräften, ohne dabei die Kern-Werte des Wagens zu korrumpieren, was schon genial ist. Fährt man den X350 und den Vorgänger, der auch deutlich über 5 Meter in der Länge misst, parallel, so stellt man fest, welchen unglaublichen Fortschritt Jaguar bei dem 2003er Modell gemacht hat.

Und das gilt bis heute.

Der letzte Jaguar XJ traditioneller Design-Linie ist der typische Fall vom besten aus beiden Welten. Da ist auf der einen Seite all das, was dem Jaguar ausmacht: Die Linienführung, das sportliche, das dennoch irgendwie majestätisch und cool daherkommt, der immer noch clubartige Innenraum, vor allem betont durch das coole Leder… Das ist schon einmalig. Und auf der anderen Seite ist da gleichzeitig dieses moderne Oberklasse-Auto, das plötzlich in Tests mit den ganz großen mithalten konnte, auf Augenhöhe – vor allem dann, wenn man nicht ausschließlich Deutsche Autozeitschriften heranzog, sondern auch mal solche aus Ländern wie der Schweiz, Österreich, den Niederlanden – undja, auch mal die Whatcar. Eat it, German Oberklasse – du hast einen relevanten Gegner – und dann eben noch einen, nach dem sich die Leute umdrehen – und das im besten Wortsinne und nicht in der Art, wie sich die Leute nach dem letzten Bangle-7er BMW umdrehten, der zu dieser Zeit gerade verkauft wurde.

War der 7er BMW vom Baumuster E38 noch irre elegant, wirkt der BMW E65 neben dem Jaguar XJ wie ein halb gegessener Dönerteller neben einer Schwarzwälder Kirsch.

Der Jaguar XJ ist auch heute noch ein echter Gegenwarts-Traumwagen, dessen älteste Exemplare 16 Jahre alt sind und sich auf der einen Seite nicht so anfühlen, weil das Design so angenehm alt ist, gleichermassen aber noch immer ein Hingucker der zeitlosen Art darstellen, wie kaum ein anderer Wagen dieser Zeit, wenn man eben die Rolls Royce und Bentley Modelle der Zeit ausnimmt, die natürlich preislich in einer vollkommen anderen Klasse spielen.

Gemessen daran ist ein Jaguar XJ regelrecht erschwinglich. Es gibt sehr vertretbare Exemplare deutlich unter 10.000 Euro. Und die machen auch morgen noch was her. Allen gemein sind die Laufleistungen – kaum ein Modell, das nicht mindestens 180.000 drauf hat, wird zum Verkauf in Deutschland angeboten. Die Jaguar Fahrer haben die Laufleistungen, für die man sich einen solchen Wagen zulegt. Tatsächlich gibt es im Ausland zum Teil Exemplare mit geringeren Laufleistungen – in den Niederlanden und Belgien beispielsweise.

In Großbritannien natürlich auch – aber deren Lenkrad ist im Regelfall so eingebaut, dass man in Parkhäusern wenig Spaß hat.

Es ist an der Zeit, diesen Wagen angemessen zu würdigen.




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