Alte Autos in alter Stadt: Youngtimer in Brügge

Es gibt ungefähr 100 Möglichkeiten, die Stadt Brügge auszusprechen: Brügge, Bruche, Bruusch… je nachdem, wen man fragt und welchen Dialekt er spricht. Weit weniger Wege führen in das Zentrum der Stadt, in dem auf engem Raum rund 23.000 Menschen leben.

Unser Oster-Treffen führt und hierher – und mit uns gefühlt eine mittlere Großstadt aus aller Herren Länder. Vorwiegend Asiaten, deren Foto-Equipment auf zunehmend bizarreren Leveln anzugelangen scheint: Gefühlt 6 Meter lange Selfie-Sticks halten Smartphones, de größer sind als früher manche Fernseher. Und jeder will wissen, wo damals Colin Farrell in „Brügge sehen und sterben“ aus dem Hotelfenster sprang, als „Voldemort“ ihn erschiessen wollte (Mad Eye Moody war schon tot zu diesem Zeitpunkt…)

Wir treffen uns mit ein paar Leuten, die mit dem Begriff Youngtimer etwas anfangen – hier mal gar nicht so dicht gesät. Speziell in Brügge tickt die Welt hier anders. Gerko erzählt uns, dass Autofahren in der Altstadt keinen Sinn gibt, „Nicht den geringsten. Manche Strecken hier sind so kurz, dass es sich nicht einmal lohnt, mit dem Rad zu fahren.“ Dennoch besitzen viele Leute hier natürlich trotzdem ein Auto. „Ein paar Vollidioten,“ so erfahren wir, „Haben sich sogar einen Q7 gekauft oder ähnlichem Quatsch. Für den könntest Du vorne am Stadt-Tor eine eigene Werkstatt aufstellen, die nur die Seitenteile reparieren und gut davon leben konnte. Die ganze Stadt ist einfach zu eng.“

Hier war es, da ist Colin Farrell aus dem Fenster gesprungen

So sind denn auch tatsächlich die Youngtimer, die wir zu sehen bekommen, tatsächlich so eine Art Kult – nur eben in einer ganz anderen Art und Weise. Es sind die Autos, die die Leute behalten haben, weil sie in die Stadt einfach passen – in einem ganz physischen Sinne. Es sind die Wagen, deren Breite durch die schmalen Strassen passt, die Wagen, deren natürliche Bodenfreiheit zu den ungehobelten Straßenverhältnissen passt. Fahr in ein Parkhaus und Du weisst, was gemeint ist. Das großzügigste und modernste Parkhaus der Stadt ist für Fahrräder, was schon eine ziemliche Geschichte erzählt.

Und es sind die Fahrzeuge, die im Belgien und den Niederlanden der 80er und 90er eine große Rolle spielten: Japaner, die frühen Koreaner und Opel – eine Marke, die hier immer noch als cool gilt. Der Corsa war hier immer schon irre erfolgreich, der Astra lange Zeit ebenso – vor allem, als er noch Kadett hieß – in Phasen war der in den Niederlanden und Belgien erfolgreicher als der Golf 2.

Die Autos aus dieser Zeit sind die heimlichen Stars einer Parallelwelt, die sich dem eher Praktischen widmet, dem einfachen, dem Vernünftigen. Die meisten Wagen haben geringe Laufleistungen, hier und da Kratzer, teils sehr sichtbare – und niemand kümmert sich darum. Warum auch? Hier reden wir von praktischen Gebrauchsgegenständen und die werden pragmatisch behandelt.

Aber lieben tun ihre Besitzer sie dennoch. Vor den Toren der eigentlichen Innenstadt gibt es zwei Werkstätten, die sich nur den alten Autos der Stadt widmen – in der inneren Stadt von Brügge ist für solche Dinge einfach kein Platz. Auch die großen Autohändler müssen draussen bleiben. Was wir in diesen Werkstätten zu sehen bekommen, wirkt angenehm gestrig. Hier wird ohne Diagnose-Geräte gearbeitet und das funktioniert hervorragend – dafür gibt es hier Schraubendreher, Hämmer, Schweißgeräte und ein Haufen Leute mit Ahnung von Autos – aussterbend wie Bodenfreiheit und Fahrzeuge mit einer zumutbaren Breite.

Wie sich die Autos halten, so hält sich die Stadt: Hervorragend.